Lernen durch praktisches Handeln

Grundlegend für das Lernen durch praktisches Handeln ist die Bildungstheorie des Pädagogen John Dewey. Dewey gilt als einer der bedeutendsten Vertreter des amerikanischen Pragmatismus. Anstelle eines einfachen „learning by doing“ sind für Dewey für einen erfolgreichen Lernprozess fünf Punkte entscheidend:

„Erstens, daß der Schüler eine wirkliche, für den Erwerb von Erfahrungen geeignete Sachlage vor sich hat - daß eine zusammenhängende Tätigkeit vorhanden ist, an der er um ihrer selbst willen interessiert ist; zweitens: daß in dieser Sachlage ein echtes Problem erwächst und damit eine Anregung zum Denken; drittens: daß er das nötige Wissen besitzt und die notwendigen Beobachtungen anstellt, um das Problem zu behandeln; viertens: daß er auf mögliche Lösungen verfällt und verpflichtet ist, sie in geordneter Weise zu entwickeln; fünftens: daß er die Möglichkeit und Gelegenheit hat, seine Gedanken durch praktische Anwendung zu erproben, ihren Sinn zu klären und ihren Wert selbständig zu entdecken“

(Zitiert aus: Dewey, John (1964). Demokratie und Erziehung. Weinheim: Beltz Verlag, S. 218)

Dieses Zitat macht deutlich, dass Lernen durch praktisches Handeln nicht gleichgesetzt werden kann, mit „etwas irgendwie ausprobieren“ bzw. „etwas irgendwie durchzuführen und dabei Schritt für Schritt zu lernen“. Vielmehr sollen Lernende reflexiv tätig werden, d.h. auf wissenschaftliche Erkenntnisse zurückgreifen und - auch gemeinsam mit anderen - weiterführen, bevor sie diese dann auch in die Praxis umsetzen. Erst auf Grundlage solch einer reflexiven Vorgehensweise kann tatsächlich gelernt werden.

Ziel des handlungsorientierten Lernens muss es dann sein, gemeinsam etwas zu tun, d.h. zu praktizieren und zu arbeiten. Dabei ist es entscheidend, dass nach Möglichkeit konkrete Produkte entstehen sollen. Bei dieser Form der Handlungsorientierung im Lernen können drei Formen unterschieden werden.

  • Erstens reales Handeln, mit dem gemeint ist, dass Lernende real Tätigkeiten durchführen, die nicht direkt einer Bildungssituation entspringen. Ein Beispiel wäre die Produktion einer Schülerzeitung an einer Schule, die außerhalb des normalen Unterrichts erfolgt.
  • Eine zweite Form ist das simulative Handeln. Hier können beispielsweise Rollenspiele zu einem bestimmten Thema organisiert werden.
  • Der dritte Bereich ist schließlich das produktive Gestalten. Hier geht es darum, dass anstelle eines klassischen Lehrens in Form einer Wissensvermittlung vom Lehrenden zu den Lernenden, die Lernenden darin unterstützt werden, etwas Praktisches zu tun – und auf diese Weise zu lernen.

In den von mir konzipierten E-Learning-Arrangements verfolge ich sehr gerne den dritten Ansatz. Insbesondere im Zusammenhang mit Open Educational Resources (OER) kann auf diese Weise ein sehr progressiver Lernansatz entstehen. Denn Lernende greifen dann nicht nur auf OER zum Lernen zurück, sondern werden auch selbst tätig und gestalten und verbreiten eigene OER. Sie übernehmen damit nicht nur Verantwortung für ihre eigenen Lernprozesse, sondern auch für die Lernprozesse anderer. Damit kommen sie in eine Situation, in der sie nicht nur Wissen erwerben, sondern dieses auch mit anderen teilen. Somit wird ein wesentliches Element einer Bildungskultur des Teilens und der Freiwilligkeit auch auf diese Art und Weise erlebbar.

Als weiterer Vorteil ergibt sich durch diese Form der Gestaltung medialer Bildungsräume, dass Lernende implizit kritische Medienbildung bzw. Medienkompetenz erwerben. Schließlich geht es im Rahmen ihres Lernprozesses nicht nur um die Aspekte der Medienkritik, der Medienkunde und der Mediennutzung, sondern auch um die eigene und aktive Mediengestaltung. Damit verbunden ist eine aktive und gestaltende Rolle der Lernenden in Bezug auf digitale Medien. Anstatt diese nur passiv zu konsumieren und ihnen in ihrer Struktur und ihren Inhalten mehr oder weniger ausgeliefert zu sein, wird beispielsweise das Internet als gestalt- und veränderbar erlebt.

Ich habe mit dieser Form des produktiven Lernens bereits zahlreiche positive Erfahrungen machen können. Dies deckt sich auch mit wissenschaftlichen Befunden, bei denen festgestellt wurde, dass Lernen durch aktives Handeln insbesondere dann erfolgreich ist, wenn die Aufgabenstellung authentisch ist und multiple Kontexte und Perspektiven eingebunden werden können. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die Lernumgebung den Lernenden reale Freiheitsgrade bietet, sowie diese von den Lernenden auch erkannt und genutzt werden können.

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