Lernen durch soziale Interaktion

Lernen durch soziale Interaktion ist für mich einer der wichtigsten Grundpfeiler bei der Gestaltung von Bildungsprojekten. Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Lernen sehr erfolgreich sein kann, wenn Lernende miteinander und im Austausch voneinander lernen. Gerade auch in virtuellen Lernumgebungen hat diese Lernform ein großes Potential.

Als theoretische Grundlage des Lernens durch soziale Interaktion können insbesondere die Arbeiten des sowjetischen Psychologen Lev Vygotsky herangezogen werden: Vygotsky unterschied zwei Niveaus bei Kindern: erstens das Niveau der biologisch-vorgegebenen Entwicklung, welches all das bestimmt, was ein Kind von sich aus erreichen kann. Zweitens das Niveau, das es in Zusammenarbeit mit einem Erwachsenen oder in Interaktion mit anderen Kindern erreichen kann. Der Abstand zwischen diesen beiden Niveaus wird als Zone der proximalen Entwicklung bezeichnet, an der sich Unterricht orientieren sollte.

Zur praktischen Anwendung im Bildungskontext ist hieran entscheidend, dass Lernumgebungen einen sozialen Kontext des Wissenserwerb berücksichtigen und demzufolge Lerngelegenheiten schaffen sollten, in denen Lernende gemeinsam im Austausch untereinander und im Austausch mit Lehrenden lernen können. Praktisch angewandt werden kann die Forderung nach sozialem Lernen im Kontext von Lerngemeinschaften. Das Ziel von Lerngemeinschaften ist es, das gemeinsame Wissen der Gemeinschaft zu vermehren und zu optimieren und auf diesem Weg auch die individuelle Wissensentwicklung zu fördern.

Lerngemeinschaften können als virtuelle Lerngemeinschaften auch digital umgesetzt werden. Lehrende stehen hierbei insbesondere vor der Herausforderung, die Gruppenprozesse zu koordinieren, um defizitäre Wissensteilung zu verhindern sowie eine Kompensation für fehlende soziale Hinweisanreize zu organisieren. Erforderlich ist dabei, mit der Kommunikation, der Koordination und der Kooperation die drei grundlegenden Formen von Interaktion zu sichern. Der Bereich der Kommunikation umfasst dabei Funktionen, die den Nutzern einen Informationsaustausch ermöglichen. Der Bereich der Kooperation muss Funktionen umfassen, die die gemeinsame Wissensproduktion ermöglichen und der Bereich der Koordination muss schließlich Funktionen für die Organisation des Gruppenprozesses bereitstellen.

In allen Bereichen ist festzustellen, dass die Virtualität der Kommunikationsprozesse nicht automatisch nur Nachteile bedeutet, sondern bei einer entsprechenden Gestaltung durchaus auch zusätzliche Potentiale genutzt werden können. Was beispielsweise die fehlenden sozialen Hinweisanreize betrifft, so wird durch die damit verbundene größere Anonymität der normative Einfluss durchaus geringer und Kommunikation somit potentiell unkontrollierter, was sich bis hin zu dem so genannten „flaming“ steigern kann, bei dem es zu heftigen Gefühlsausbrüchen und gegenseitigen Beschimpfungen kommt. Auch können sich Lernende isoliert und unfähig fühlen, zu Mitlernenden Kontakte aufzubauen.

Auf der anderen Seite kann das Fehlen sozialer Hinweisanreize jedoch auch förderlich für eine erforderliche Kommunikation sein. So wird im Modell der Hyperpersonal Perspektive davon ausgegangen, dass sich Kommunikationsteilnehmer in mediengestützter Kommunikation zum Teil intimer und verbundener fühlen können, als in face-to-face Kommunikation. Eine weitere Annahme ist, dass Statusunterschiede zwischen Gruppenmitgliedern durch fehlende soziale Hinweisanreize unbedeutender werden und die Kommunikation somit gleichberechtigter und egalitärer abläuft.

Festhalten lässt sich somit, dass eine erfolgreiche Gestaltung kooperativer Lernarrangements Lehrende gerade in virtuellen Bildungsprojekten vor große Herausforderungen stellt. Wenn es jedoch gelingt, diese Herausforderungen zu bewältigen, dann ist das Lernen durch soziale Interaktion einer der spannendsten und vielversprechendsten Ansätze die E-Learning zu bieten hat.

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