Open Education mit Qualität statt unreflektierter MOOC-Hype

So genannte MOOC's (Massive Open Online Courses) sind das aktuell wohl meist diskutierte Phänomen im Bereich des digitalen Lehren und Lernens. Auch die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) beschäftigt sich in ihrem Gutachten zu Forschung, Innovation und Technologischer Leistungsfähigkeit Deutschlands 2015 mit „MOOCs als Innovation im Bildungsbereich“ und empfiehlt deren Ausweitung. Doch was auf den ersten Blick gut und zukunftsweisend klingt, droht in der Realität in vielen Fällen zu einer Verschärfung von Ungleichheiten im Bildungssystem beizutragen.

Die Abkürzung 'MOOC' steht für Massive Open Online Course. Ein MOOC ist somit ein digitales Lehrangebot, das über das Internet abgerufen werden kann und an dem sich eine große Anzahl von Lernenden beteiligen können. MOOC-Vorreiter waren vor allem Elite-Universitäten in den USA. Das erklärt die zunächst riesige Euphorie. Auf einmal schien es möglich, dass die Teilhabe an bester und exzellenter Bildung nicht mehr nur auf eine kleine Gruppe von Studierenden begrenzt bleiben muss. Stattdessen könne jeder die Möglichkeit haben, davon zu profitieren – unabhängig von sozialer Herkunft und Heimatland. Einzige Voraussetzung sei ein Laptop und ein Zugang zum Internet.

Warum geht diese Idee in solch einer simplen Form nicht auf? Für mich sprechen insbesondere drei Gründe dafür, den MOOC-Hype, wie er aktuell vorherrschend gestaltet wird, kritisch zu begleiten:

  1. Ein Zugang zu einem MOOC via Laptop garantiert noch lange keine erfolgreichen Lernprozesse. Selbst wenn es die vermeintlich besten Professoren sind, die ihre Vorlesungen ins Netz stellen, handelt es sich dabei noch immer nicht um digital gestaltete Bildungsangebote, die es gerade sozial und kulturell benachteiligten Personen erlauben würde, mit ihnen erfolgreich zu lernen. Ohne entsprechende Vorkenntnisse und einen entsprechenden Bildungshintergrund kann von MOOC's deshalb zumeist nicht profitiert werden. Zu groß sind hierfür die Voraussetzungen an Selbstorganisation beim Lernen. Für MOOC's gilt deshalb wie so oft in der Bildung das Matthäus-Prinzip: Wer hat, dem wird gegeben ...
  2. MOOC's können als neue Form von Bildungsimperialismus eingeordnet werden. Wenn immer mehr Vorlesungen als MOOC's aufbereitet digital zur Verfügung stehen, kann dies als willkommener Vorwand genutzt werden, bei den eigenen Lehrangeboten den Rotstift anzusetzen. Anstatt also Lehrende einzustellen und zu bezahlen, die Vorlesungen und weitere Lehrangebote anbieten, würde dann auf die frei verfügbaren MOOC's rekuriert. Gerade Hochschulen in ärmeren Ländern würden dann auf eigene Forschungs- und Lehrtätigkeiten verzichten. Dominieren würde - noch stärker als bisher schon - eine einseitig westliche Brille im akademischen Diskurs ..
  3. MOOC's sind nur eingeschränkt offene Bildungsangebote. Zwar tragen sie das „Open“ in ihrem Namen. Was jedoch zumeist nicht geht, ist ihre Weiterverbreitung und Weitergestaltung. Lediglich der Zugriff auf sie soll offen sein – und selbst hier ist es nur eine Frage der Zeit, bis MOOC's noch mehr als bisher als Geschäftsmodell erkannt werden und verstärkt gegen Bezahlung angeboten werden. Auch als kostenfreies Angebot sind sie von Profitdenken nicht frei. So können beispielsweise die Daten, die in MOOC's generiert werden – insbesondere die persönlichen Daten, derjenigen die einen MOOC erfolgreich abschließen – gewinnbringend verkauft werden.

Wo liegen Alternativen? Aus meiner Sicht gilt für Bildung im Netz das gleiche, was für Bildung allgemein gilt: Gute Bildung kostet Geld! Ziel muss es deshalb sein, für mediendidaktisch fundierte und umfassend betreute digitale Bildungsangebote und die hierzu erforderliche öffentliche Finanzierung einzutreten. Nur so können Ansätze weiter entwickelt und realisiert werden, die digitale Potentiale auch dazu nutzen, Bildungsungleichheiten zu verringern. Vielversprechende Ansätze gibt es hier z.B. im Bereich Open Educational Resources (OER), bei denen Lernende dazu qualifiziert werden, nicht nur Verantwortung für ihre eigenen Lernprozesse, sondern auch für die Lernprozesse anderer zu übernehmen. Dies kann gelingen, indem produktive Lernarrangements gestaltet werden, bei denen der Prozess des eigenen Lernens durch die Entwicklung und Gestaltung neuer OER gemeinsam mit anderen erfolgt. Anders als bei herkömmlichen MOOC's, bei denen konkurrierendes Lernen in der Regel elementar ist, kann auf diese Weise tatsächlich ein Beitrag geleistet werden, für eine neue Bildungskultur der Offenheit und der Solidarität.

Diese Einschätzung ist selbstverständlich keine grundsätzliche Ablehnung des MOOC-Formats an sich, sondern nur in seiner den Diskurs bestimmenden Form. Wie so oft, gilt auch hier: es kommt immer auf die konkrete Ausgestaltung an. So kann auch ein MOOC durchaus ein progressives Bildungsangebot sein.

Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) beschäftigt sich in ihrem Gutachten zu Forschung, Innovation und Technologischer Leistungsfähigkeit Deutschlands 2015 mit „MOOCs als Innovation im Bildungsbereich“ und empfiehlt deren Ausweitung. Doch was auf den ersten Blick gut und zukunftsweisend klingt, droht in der Realität in vielen Fällen zu einer Verschärfung von Ungleichheiten im Bildungssystem beizutragen.

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