Politische Mündigkeit durch digitale Bildungsangebote

Die Frage, wozu politische Bildung allgemein benötigt wird bzw. welches grundsätzliche Lernziel mit ihr verbunden ist, wurde im Laufe der Geschichte und in verschiedenen Kontexten sehr unterschiedlich beantwortet. Eine erste Antwort wurde mit dem Lernziel der Herrschaftslegitimation gegeben. In diesem Fall zielt politische Bildung darauf ab, einen bestehenden gesellschaftlich-politischen Zusammenhang im Interesse der von ihm profitierenden Gruppe durch die politische Bildung zu legitimieren und zu stärken. In Deutschland konnte diese Variante beispielsweise zu Zeiten des Kaiserreichs oder im Nationalsozialismus beobachtet werden. Die Re-education Ansätze der Alliierten in Westdeutschland nach dem zweiten Weltkrieg können dagegen als Lernziel der Mission eingeordnet werden. Hier soll politische Bildung als Instrument zur Besserung gesellschaftlich-politischer Zustände dienen. Sowohl der Ansatz der Herrschaftslegitimation als auch der Ansatz der Mission gelten in der heutigen politischen Bildung als überholt. Stattdessen wird als Lernziel auf die politische Mündigkeit der Lernenden orientiert. Politische Bildung dient in diesem Fall der eigenständigen Auseinandersetzung der Lernenden mit politischen Geschehnissen.

Als Elemente politischer Mündigkeit werden politisches Wissen, politisches Verantwortungsbewusstsein und Partizipation sowie Engagement unterschieden, wobei letzteres nicht als Zwang zur Beteiligung missverstanden werden darf. Entscheidend ist vielmehr, dass Lernende grundsätzlich in die Lage versetzt werden, am Gemeinwesen partizipieren zu können. Anders als in den ersten beiden Mustern kann es bei der politischen Mündigkeit ein wünschenswertes Lernziel sein, dass Lernende zu anderen Ergebnissen in politischen Streitfragen kommen, als Lehrende. Das Ziel der politischen Mündigkeit stellt Lehrende insbesondere in der politischen Erwachsenenbildung vor große Herausforderungen, da es mit höheren kognitiven Fähigkeiten der Lernenden zu quasi gleichberechtigten politischen Diskussionen kommen kann.

Betrachtet man das Lernziel der politischen Mündigkeit unter dem Blickwinkel der Verwendung digitaler Medien im Bildungsprozess, so lässt sich feststellen, dass sich durch digitale Medien neue Möglichkeiten und Chancen für die politische Bildung ergeben. Hintergrund sind hier vor allem die großen Hoffnungen auf verbesserte politische Partizipationsmöglichkeiten. Denn während das so genannten Web 1.0 lediglich verbesserte Informationsmöglichkeiten für meist ohnehin politisch Interessierte bot, kann im Web 2.0 das Potential für eine Ermächtigung von unten und für eine Steigerung des Interesses an Politik gesehen werden. Beispiele sind hier die große Rolle der sozialen Netzwerke im so genannten Arabischen Frühling oder die Plagiats-Affäre bei Guttenberg, die maßgeblich über virtuelle kooperative Zusammenarbeit transparent gemacht wurde.

Reflektiert man diese Beispiele, so lässt sich für die Politische Bildung schlussfolgern, dass digitale Medien - insbesondere seit dem Aufkommen des Web 2.0 - mehr sind als ein Gegenstand des politischen Unterrichts, sondern auch weitere Aspekte einbezogen werden müssen. Während auch beim Web 2.0 die Aufgabe bleibt, die Medien als Gegenstand zu thematisieren bzw. sie als Unterrichtsmedium einzusetzen, so kommen als neue Dimensionen insbesondere hinzu, digitale Medien als Instrument und Werkzeug einzusetzen. Das bedeutet, dass Lernende im Bereich der Politischen Bildung das Web 2.0 als erweiterten Lernraum nutzen sollten, indem sie beispielsweise Aufgaben erhalten, nach Informationen zu recherchieren oder mit politischen Entscheidungsträgern zu kommunizieren. Zum anderen sollten digitale Bildungsprojekte zur politischen Bildung möglichst auch Bereiche umfassen, in denen Lernende im Web 2.0 aktiv werden und Medienprodukte selbst herstellen, um beispielsweise virtuell politisch Position zu beziehen oder andere zu mobilisieren. Dieser Bereich kann besonders im Jugendbereich für erfolgreiches Lernen relevant sein, da auf diese Weise am Ästhetisierungsbedürfnis speziell von Jugendlichen und jungen Erwachsenen angesetzt werden kann. Und auch über diese Zielgruppe hinaus kann das politische Lernen im Web 2.0 auf diese Weise dazu beitragen, die oft als abstrakt und fern wirkende Politik konkret und erfahrbar zu machen.

Diese sehr positive Darstellung der Potentiale neuer Medien für die politische Bildung darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass es durchaus auch Nachteile und Schwierigkeiten gibt, mit denen ein Umgang gefunden werden muss. Zu nennen ist hier vor allem das Problem der Unverbindlichkeit und somit potentieller Oberflächlichkeit von virtueller Politik. So gehen die Nutzer davon aus, dass sie mit einem Klick zum Weltgeschehen beitragen, doch tatsächlich ist die Nachhaltigkeit des Engagements häufig fraglich. Dies kann leicht zu Desillusionierung und Passivität führen. Eine noch tiefer gehende Kritik an virtueller Politik wurde von Cass Sunstein in seinem Buch Rebublic.com 2.0 formuliert. Er geht davon aus, dass Menschen durch die digitalen Medien verstärkt nur noch das zur Kenntnis nehmen, was sie zur Kenntnis nehmen wollen. Damit verbunden ist häufig eine Radikalisierung in der eigenen, sich selbst bestätigenden Gruppe, anstelle von Auseinandersetzung mit politisch Andersdenkenden. Weitergeführt wird diese Kritik von Eli Pariser in seinem Buch „Filter Bubble“. Er untersuchte insbesondere die Rolle von Algorithmen, die beispielsweise bei Suchanfragen aktiv werden. Auf dieser Grundlage schlussfolgerte er, dass Nutzer dadurch in eine Filterblase geraten - einen beschränkten Raum von Informationen, die lediglich ihre Meinung bestätigen, anstatt ihren Horizont zu erweitern.

Für meine Arbeit im eBildungslabor sehe ich trotz solcher sehr deutlichen Kritik an den vermeintlichen demokratiefördernden Potentialen des Web 2.0 die Notwendigkeit dass digitale Medien in der politischen Bildung für das Erreichen des Lernziels der politischen Mündigkeit eingesetzt werden sollten. Denn um Menschen zu mündigen Bürgern in einer mehr und mehr digital geprägten Kultur werden zu lassen, ist das Kennenlernen, das aktive Verwenden, das kritische Einordnen und Hinterfragen und die Kompetenz auch zur eigenen Gestaltung der neuen Medien unerlässlich.

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