Einheit 1: Problemdefinition

Fallbeispiel: Frau Müller ist überfordert!

Wir starten mit dem Fallbeispiel von Frau Müller – einer fiktiven Lehrerin für Deutsch und Biologie an einem Gymnasium in Hannover.

Frau Müller ist eigentlich sehr gerne Lehrerin, aber in letzter Zeit fühlt sie sich in ihrem Beruf mehr und mehr überfordert: Die Schulleitung hat vor kurzem ein Learning Managment System (LMS) eingeführt, das ihr viel zu kompliziert ist. Und ständig hört sie im Lehrer*innenzimmer von irgendwelchen Tools, die ihre Kolleginnen und Kollegen im Unterricht ausprobieren. Sie hat den Eindruck, dass ihre Schülerinnen und Schüler so etwas auch von ihr erwarten. Letzte Woche war sie deshalb auf einer Fortbildung zum Thema ‚Lehren mit digitalen Tools‘. Danach fühlte sie sich allerdings nur noch orientierungsloser, weil sie überhaupt nicht mitgekommen ist. Und immer wieder gibt es irgendwelche kleinen Ärgernisse: Das Whiteboard in ihrem Klassenzimmer funktioniert nicht, es gibt ein neues, digitales Zeugnisprogramm, das sie nicht versteht und zu allem Überfluss soll sie jetzt auch noch gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen einen Projekttag vorbereiten. Wie soll sie das denn auch noch schaffen?

Vielleicht geht es Dir manches Mal ein bisschen wie Frau Müller: Ständig neue Anforderungen und dabei viel zu wenig Zeit! Hier hilft es, zunächst Ordnung ins Chaos zu bringen und für sich selbst im Kopf zu sortieren, was genau die Herausforderung bzw. das Problem ist und welche Art von Lösungssuche es erfordert. Darauf aufbauend ist es dann deutlich leichter, Antworten zu finden.

So kannst Du vorgehen

Lass uns also versuchen, Ordnung ins Chaos zu bringen! Um zu verstehen, woher die Überforderung kommt, schauen wir uns zunächst an, mit welchen Rollen Lehrkräfte heutzutage konfrontiert sind. Darauf aufbauend lernen wir, Herausforderungen für uns zu sammeln und zu charakterisieren.

Schritt 1: Verstehen

Die kanadische Initiative Ontario Extend baut ihr Fortbildungsprogramm für Lehrkräfte darauf auf, dass für Lehrer*innen im digitalen Zeitalter mindestens 5 Rollen zu einem früheren Verständnis des Lehrberufs hinzugekommen sind. Demnach sind Lehrkräfte …

  • Kurator*innen: Es gibt nicht mehr nur ein feststehendes Lehrwerk, mit dem unterrichtet wird, sondern eine Vielzahl von Angeboten und möglichen Quellen. Lehrer*innen stehen vor der Herausforderung, geeignete Materialien zu finden und zum Lehren und Lernen produktiv zu nutzen.
  • Technolog*innen: Bildungsprozesse finden in einer zunehmend technologisierten Gesellschaft, zunehmend digital statt. Und mehr noch als das, prägt die Digitalisierung die Art und Weise, wie wir miteinander kommunizieren, arbeiten und leben. Das verändert auch die Art und Weise, wie und was wir lernen.
  • Teamarbeiter*innen: Während Lehrkräfte klassisch als Einzelkämpfer*innen arbeiten, stellen die neuen Formen des Lernens sie mehr und mehr vor die Herausforderung im Team mit Kolleg*innen zu arbeiten.
  • Wissenschaftler*innen: Nicht nur im Zusammenhang mit digitaler Bildung entstehen neue pädagogische Theorien. Ebenso fragt sich die Pädagogik, welche Kompetenzen Lernende in der heutigen Gesellschaft entwickeln müssen und wie Lehrkräfte dabei begleiten können. Diese Entwicklungen gilt es zu berücksichtigen und aufzugreifen.
  • Entdecker*innen: In der heutigen vernetzten Welt entwickeln Menschen schneller Ideen als früher. Man hat den Eindruck, dass ständig irgend etwas Neues entsteht. Darauf lässt sich reagieren mit Rückzug, Anpassung oder Gestaltung. Aus pädagogischer Perspektive, kann nur Gestaltung die richtige Antwort sein. Das setzt Entdeckungsfreude voraus.

Mit diesen vielfältigen Rollen von Lehrkräften im Blick verstehen wir besser, warum vielleicht auch wir uns häufig überfordert fühlen: Wir sind in sehr schnellem Tempo mit sehr vielen Herausforderungen konfrontiert!

Schritt 2: Sammeln

Zu wissen, warum wir uns oft überfordert fühlen, ist das eine. Diese Überforderung zu überwinden, das andere. Beginnen solltest du mit einer Sammlung aller Probleme, vor denen Du stehst.

Praktisch bedeutet das, dass wir für uns aufschreiben, was genau unsere Schwierigkeiten, Fragen oder Probleme sind. Dabei sollten wir so konkret wie möglich werden.

  • ‚Das funktioniert nicht!‘ wird zu: ‚Was genau funktioniert nicht?‘
  • ‚Das verstehe ich nicht!‘ wird zu: ‚Was genau verstehe ich nicht?‘
  • ‚Das kann ich nicht!‘ wird zu: ‚Was genau kann ich nicht?‘

Anstatt also zum Beispiel zu schreiben ‚Ich komme mit der Technik an der Schule nicht zurecht‚. besser: ‚Das Whiteboard in meinem Klassenraum zeigt immer irgendwelche Fehlermeldungen an, die ich nicht verstehe.‘

Zweitens sollten wir größere und zusammenhängende Probleme wenn möglich in kleinere Probleme zerlegen. Anstatt zum Beispiel zu schreiben ‚Ich komme mit unserem Moodle nicht zurecht‚ besser ‚Ich kann das Moodle nicht bedienen‚ und ‚Ich weiß nicht, wie ich das Moodle in meinem Unterricht einsetzen kann.‘

Anstelle eines großen, unsortierten Kuddemlmuddels, das uns erschlägt, haben wir dann eine Liste mit konkreten Problemen. Durch das Sammeln sind sie noch lange nicht gelöst, aber wir sind der Lösung einen wichtigen Schritt näher gekommen.

Schritt 3: Charakterisieren

Wenn wir wie oben dargestellt unsere Probleme sammeln, dann stehen auf der entstandenen Liste wahrscheinlich sehr unterschiedliche Probleme und Herausforderungen darauf. Intuitiv können wir uns denken, dass das Problem ‚Mein Ton in der Videokonferenz funktioniert oft nicht‘ eine andere Lösungssuche benötigt als die Herausforderung ‚Ich finde, dass mein Unterricht nicht abwechslungsreich genug ist.‘

Um die unterschiedlichen Probleme zu charakterisieren, können wir uns am so genannten Cynefin-Modell orientieren. Dieses geht von vier unterschiedlichen Problemarten aus. Demnach kann ein Problem klar, kompliziert, komplex oder chaotisch sein. Je nachdem, wie ein Problem kategorisiert wird, erfordert es eine andere Lösungssuche. Wer sich für das Modell genauer interessiert, findet im Wikipedia-Artikel dazu nähere Informationen. Für unser Lernen möchten wir daran angelehnt eine Charakterisierung in zwei Problemkategorien vornehmen:

  1. Geschlossene Probleme: Ein geschlossenes Problem ist ein Problem, zu dem es bereits eine (oder auch mehrere) erprobte und funktionierende Lösungen gibt. Unsere Herausforderung besteht darin, diese Lösung zu finden, zu verstehen und nutzen zu können.
  2. Offene Probleme: Ein offenes Problem ist ein Problem, zu dem es keine eindeutige Lösung gibt. Unsere Herausforderung besteht darin, uns neugierig und mutig auf den Weg zu machen und eigene und neue Lösungen zu erproben. Dabei sind wur nicht allein, sondern können gemeinsam mit anderen lernen.

Wie genau die beiden Wege funktionieren, werden wir in den weiteren Lerneinheiten betrachten. In dieser ersten Lerneinheit zur Problemdefinition geht es zunächst nur darum, dass beide Kategorien kennst und dass Du Probleme und Herausforderungen entweder der einen oder der anderen Kategorie zuordnen kannst.

Auflösung: Frau Müller bringt Ordnung ins Chaos!

Frau Müller hat sich die drei Schritte durchgelesen, versteht ihre Überforderung jetzt besser und macht sich daran, ihre Probleme zu definieren. Dazu schreibt sie zunächst möglichst konkrete Probleme auf, die sie falls nötig in kleinere Probleme unterteilt. Danach ordnet sie die gesammelten Probleme den Kategorien ‚geschlossen‘ oder ‚offen‘ zu. Am Ende liegt diese Liste vor ihr:

Jetzt bist Du dran!

Was Frau Müller kann, kannst Du auch 🙂 Schreibe Deine Liste mit aktuellen Problemen, Herausforderungen und Fragen vor denn Du stehst.

  • Sei möglichst konkret.
  • Unterteile große Probleme in mehrere kleine Probleme
  • Schreibe zu jedem Problem dazu, ob eher eine geschlossene oder eine offene Lösungssuche erforderlich ist.

Wenn Du Deine Liste fertig geschrieben hast, geht es in der nächsten Lerneinheit weiter mit der Lösungssuche.

Nele HirschZeitgemäße Bildung | Offenheit | Netzkultur

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